Die Waldviertel-Bibliothek im
Höbarthmuseum der Stadt Horn
Von Erich Rabl
Der Postbedienstete und leidenschaftliche Sammler Josef Höbarth
(1891-1952) begründete 1930 das nach ihm benannte Museum, das eine
der größten urgeschichtlichen Sammlungen Österreichs beherbergt.
Seit 1973 befindet sich das Höbarthmuseum mit seinen urgeschichtlichen,
stadtgeschichtlichen und volkskundlichen Sammlungen im zweigeschossigen
Gebäude des alten Bürgerspitals nahe dem Schloss. Eine Antikensammlung
(Sammlung Arthur Nowak) und eine Dokumentation über den Räuber
Johann Georg Grasel ergänzen die anderen Sammlungen. Der Museumskomplex
erfuhr eine bedeutende Erweiterung durch den Zubau des Madermuseums, das
seit 1983 eine umfangreiche Sammlung landwirtschaftlicher Geräte
und Maschinen zeigt. Gründer dieses 1983 von Bundespräsident
Dr. Rudolf Kirchschläger eröffneten Museums war der Landwirt
Ernst Mader, der in Breiteneich bei Horn einen landwirtschaftlichen Betrieb
führte und der in der Pension "bäuerliche Altertümer"
sammelte.
Ein Beispiel moderner Gestaltungskunst ist die neue Kassenhalle der Museen
und die vor der Stadtmauer errichtete Ausstellungshalle des Badener Architekten
Gerhard Lindner, in der das sogenannte Eingangstor Kultur des Kulturparks
Kamptal mit exemplarischen Beispielen regionaler Besonderheiten einen
Überblick über ,,30 000 Jahre Zeitgeist und Gestaltungsfreude"
bietet.
In den Horner Museen besteht heute die "Waldviertel-Bibliothek im
Höbarthmuseum der Stadt Horn", die aus der Museumsbibliothek
und der Bibliothek des Waldviertier Heimatbundes zusammengewachsen ist.
Die Museumsbibliothek umfasste in der Anfangszeit die aus dem Besitz des
Museumsgründers Josef Höbarth stammenden Werke sowie Bücherschenkungen
einzelner Bürger aus Horn und Umgebung sowie Zuwendungen einzelner
Wissenschafter, die ihre Publikationen, z. T. Sonderdrucke, der Museumsbibliothek
übergaben. Als der Prähistoriker Dr. Friedrich Berg von 1954
bis 1965 hauptamtlich das Höbarthmuseum leitete, bemühte er
sich, die für ein Heimatmuseum mit dem Schwerpunkt Urgeschichte notwendige
Fachliteratur laufend anzuschaffen. Im Jahre 1956 zählte die Museumsbibliothek
des Museumsvereins in Horn 800 Bände. In Absprache mit dem Betreuer
des Stadtarchivs Horn, Dr. Erich Forstreiter, erwarb die Museumsbibliothek
vorwiegend Werke aus den Fachgebieten Urgeschichte, Volkskunde, Mineralogie
und Paläontologie sowie Kunstgeschichte, während das Stadtarchiv
in erster Linie historische und landeskundliche Werke ankaufte. Auf diesem
Grundsatz aufbauend wurde 1956 eine Reihe von Werken zwischen der Museumsbibliothek
und der Bibliothek des Stadtarchivs ausgetauscht.
Unter Museumsdirektor Dr. Ingo Prihoda - er leitete von 1971 bis zu seinem
Tod im Jahre 1991 das Höbarthmuseum - wurde die Schwerpunktsetzung
seines Vorgängers beibehalten. Dr. Prihoda konnte zahlreiche Fachpublikationen
und Ausstellungskataloge im Tausch gegen die von ihm 1980 herausgegebene
Festschrift, die aus Anlass der 50-Jahrfeier des Höbarthmuseums und
des Museumsvereins erschienen war, erwerben.
Museumsdirektor Dr. Prihoda beauftragte 1979 den Studenten Friedrich Polleroß
mit der Katalogisierung der Bücher der Museumsbibliothek. Das Ergebnis
war ein maschinschriftlicher Katalog von 83 Seiten. Die Bücher wurden
nach Sachgebieten in sieben Abteilungen gegliedert: Hornensia, Waldviertel,
Geschichte, Naturhistorisches, Kunstgeschichte und Volkskunde, Urgeschichte
und Frühgeschichte sowie diverse Sachgebiete. Innerhalb der Abteilungen
wurden die Werke beliebig aneinandergereiht, für mehrbändige
Werke und Zeitschriften wurde nur eine Signatur vergeben. Die Abteilung
Urgeschichte und Frühgeschichte bildete mit 298 Signaturen, das war
rund ein Drittel des Gesamtbestandes, eindeutig den Schwerpunkt der Museumsbibliothek.
In den Jahren 1985/1986 sollte das Projekt des Landesschulrates für
Niederösterreich, im Höbarthmuseum eine kleine Außenstelle
der Landesschulrats-Bibliothek mit dem Schwerpunkt "Allgemeine Nachschlagewerke"
als Regionalbibliothek für die Lehrerschaft einzurichten, realisiert
werden, doch es kam nicht dazu.
Hingegen gelangte 1990/1991 die umfangreiche Privatbibliothek von Prof.
Dr. Walter Pongratz in das Höbarthmuseum. Pongratz war einer der
führenden Bibliothekshistoriker Österreichs gewesen, der in
den Jahren 1960 bis 1987 als Schriftleiter die regionalkundliche Zeitschrift
"Das Waldviertel" geleitet hatte; darüber hinaus hatte
er von 1971 bis 1986 26 Bände in einer Schriftenreihe des Waldviertier
Heimatbundes herausgegeben. Jahrzehntelang hatte Pongratz lokal- und landeskundliche
Publikationen gesammelt, seine Privatbibliothek entwickelte sich zu einer
umfangreichen Waldviertel-Spezialbibliothek, wobei ihm auch zahlreiche
Besprechungsexemplare durch die Rezensionen in der Zeitschrift "Das
Waldviertel" zufielen.
Schließlich war es der Wunsch von Dr. Pongratz, seine umfangreiche
Waldviertel-Spezialbibliothek in einer Stadt des Waldviertels der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Dr. Pongratz dachte zuerst an Zwettl als Aufstellungsort
seiner Bibliothek. Die ersten Pläne sahen eine Aufstellung im Stift
Zwettl vor, später wollte er seine Bibliothek im alten Rathaus der
Stadt Zwettl unterbringen. Doch verschiedene Umstände veranlassten
Pongratz, seine Entscheidung nochmals umzustoßen. Schließlich
entschied er sich knapp vor seinem Tod für die Stadt Horn.
In seiner letztwilligen Verfügung vom 18. März 1990 traf Dr.
Walter Pongratz hinsichtlich seiner Bibliothek folgende Entscheidung:
"Meine gesamte wissenschaftliche Bibliothek, Bücher, Handschriften,
Sonderdrucke, Zeitungsausschnitte usw., soweit sie Niederösterreich
und das Waldviertel betreffen. Sie erbt der Waldviertler Heimatbund mit
dem Sitz im Höbarthmuseum [...] mit der Bestimmung, die Bibliothek
für Forschungszwecke öffentlich zugänglich zu machen."
In einem Gespräch zwischen den Vertretern der Stadtgemeinde Horn,
des Museumsvereins in Horn und des Waldviertler Heimatbundes am 30. Oktober
1990 wurde vereinbart, drei Bibliotheken im Höbarthmuseum zusammenzuführen.
Zu der schon bestehenden Museumsbibliothek kamen zwischen Oktober 1990
und November 1991 in neun Transporten aus der Wiener Wohnung des am 28.
Juni 1990 verstorbenen Dr. Walter Pongratz die Bücher der "Pongratz-Bibliothek"
nach Horn. Schon 1986 waren jene Bibliotheksbestände des Waldviertler
Heimatbundes, die Walther Sohm im Missonhaus in Mühlbach am Manhartsberg
betreut hatte, ins Höbarthmuseum übersiedelt worden.
Ca. 60 Periodika - vom Burgenland bis Südtirol, aber auch einzelne
Zeitschriften aus der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen
Republik - erwirbt die Waldviertel-Bibliothek im Tauschwege gegen die
vom Waldviertler Heimatbund herausgegebene Zeitschrift "Das Waldviertel",
die jährlich in vier Heften mit einem Umfang von ca. 400 Seiten erscheint.
Heute haben sowohl der Museumsverein in Horn als auch der Waldviertler
Heimatbund ein jährliches Ankaufsbudget, um die laufend erscheinenden
Waldviertel-Publikationen sowie Nachschlagewerke und Publikationen zu
den traditionellen Sachgebieten des Museums zu erwerben.
Die Bibliothek des Museumsvereins und die spätere Waldviertel-Bibliothek
waren von 1973 bis 1994 im Kanzleiraum des Höbarthmuseums untergebracht.
Anfang der neunziger Jahre hatte die Stadtgemeinde auch zusätzliche
neue Bücherkästen angeschafft. Im Zeitraum vom Mai 1994 bis
April 1995 war die Bibliothek provisorisch in dem Raum neben der Bürgerspitalskapelle,
zum Teil auch in Kisten, deponiert, da der ehemalige Bibliotheksraum in
einen Sonderausstellungsraum umgebaut wurde. Im Zuge dieses von Architekt
Dipl.-Ing. Gerhard Lindner durchgeführten Umbaus entstand auch eine
neue Kassenhalle bzw. der Zubau der Kulturparkhalle. Ab April 1995 wurde
die Bibliothek im früheren Kassenraum des Höbarthmuseums neu
aufgestellt. Sie umfasst etwa 5000 Bände und wurde im Winter 2000/2001
nochmals in größere Räumlichkeiten (in die ehemaligen
Räume der Stadtbücherei) übersiedelt.
Den Schwerpunkt der "Pongratz-Bibliothek" bildeten ortskundliche
Publikationen zu einzelnen Orten des Waldviertels; aber auch Schriften
zu Kleinlandschaften und Bezirken sowie die Literatur zum Waldviertel
im Gesamten wurden von Pongratz unermüdlich gesammelt. Bei der Ortsliteratur
wurden auch viele Sonderdrucke eingereiht. Unter den Kleinschriften befinden
sich Publikationen, die entweder in "großen Bibliotheken"
fehlen oder auch der Fachwelt unbekannt sind. Als Beispiel sei auf die
im Eigenverlag erschienene Publikation von A. Czizek, Beitrag zur Kenntnis
der Molluskenfauna des Bezirkes Zwettl (Grainbrunn 1893) hingewiesen.
Heute besteht noch die alte Ordnung der Museumsbibliothek; die ortskundliche
Literatur des Waldviertels wurde nach Orten alphabetisch geordnet. Eine
moderne katalogmäßige Erschließung steht noch aus.
Die Waldviertel-Bibliothek dient einerseits der Museumsleitung und den
Mitarbeitern des Höbarth- und Madermuseums vorwiegend für die
Vorbereitung von Sonderausstellungen und die Herausgabe von Ausstellungskatalogen
sowie andererseits den Heimat- und Regionalforschern des Horner Raumes
und des Waldviertels für ihre Forschungen.
Weitere Bibliotheken in Horn
Unter den wissenschaftlichen Bibliotheken in der Stadt Horn sei noch auf
zwei Bibliotheken hingewiesen. Die Bibliothek der Ferdinand-Graf-Kurz-Stiftung
im alten Piaristengymnasium (heute Kunsthaus Horn) hat einen wertvollen
historischen Buchbestand von ca. 5500 Bänden mit den Schwerpunkten
Theologie und Geschichte. Sie besitzt auch einige Inkunabeln; der bis
ins 19. Jahrhundert reichende Altbestand wird aber nicht mehr vermehrt.
Einzelne Werke aus der Bibliothek der Kurz-Stiftung waren in den letzten
Jahren bei den großen Sonderausstellungen im Höbarthmuseum
zu sehen. Das Stadtarchiv Horn, seit 1997 in einem Nebengebäude des
Rathauses untergebracht, verfügt auch über eine wissenschaftliche
Bibliothek mit den Schwerpunkten Stadtgeschichte, Archivwesen, Kommunalverwaltung
sowie landes- und regionalkundliche Werke. Eine größere Anzahl
von religiösen Büchern (Gebetbücher, Predigtbücher,
Bibelausgaben) kamen größtenteils aus dem Höbarthmuseum
ins Stadtarchiv. Weiters hat die Bibliothek des Stadtarchivs auch eine
umfangreiche Sammlung von Gesetzestexten und Gesetzeskommentaren.
Im letzten Jahrzehnt wurde der Ausbau der Schulbibliotheken mit zusätzlichen
Geldmitteln österreichweit zu einem Schwerpunkt der Schulpolitik.
Am Horner Gymnasium wurden nach der Zusammenführung der Lehrerbibliothek,
der Schülerbibliothek und der Textbibliothek neue Bibliotheksräume
geschaffen und die neue Schulbibliothek am 9. November 1991 offiziell
eröffnet.
1998 umfasste die Schulbibliothek des Gymnasiums ca. 15 000 Bände
sowie 6000 weitere Bände in der angeschlossenen Textbücherei.
Schwerpunkte sind: Jugendbücher, Nachschlagewerke, Geschichte, fremdsprachige
Literatur, Bildende Kunst und Musik sowie Zeitschriften und eine Tageszeitung
("Der Standard").
Auch an der Horner Handelsschule und Handelsakademie wurde am 19. Jänner
1996 eine Schulbibliothek mit rund 5000 Bänden eröffnet. Sie
war zum Zeitpunkt der Eröffnung die einzige Schulbibliothek an einer
österreichischen Handelsschule bzw. Handelsakademie.
Die Stadtbücherei Horn wurde am 18. März 1948 im Gebäude
der Volks- und Hauptschule eröffnet, die Vorläufereinrichtungen
gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Ein Verein, der diese Aufgaben
wahrnahm, nannte sich "Verein für Verbreitung von Volksbildung".
Mehrmals musste die Stadtbücherei übersiedeln, erst 1968 fand
sie im Komplex des Bürgerspitals für dreißig Jahre eine
Unterkunft. Im November 1998 übersiedelte die Stadtbücherei
in das Rathaus, wo nun für die Bücherei das gesamte Erdgeschoß
zur Verfügung steht. Auch die Einrichtung mit hellen Holzregalen
wurde komplett erneuert. Heute verfügt die Stadtbücherei über
6770 Bände; im Jahr werden mehr als 12 000 Bände entlehnt.
Literaturhinweise
Ralph Andraschek-Holzer, Zur Geschichte der Horner Museumsbibliothek.
In: Ralph Andraschek-Holzer/Erich Rabl (Hg.), Höbarthmuseum und Stadt
Horn. Beiträge zu Museum und Stadtgeschichte (Horn 1991) S. 235-242.
Ralph Andraschek-Holzer, Bibliothek der Ferdinand Graf Kurz-Stiftung.
In: Helmut W. Lang (Hg.), Handbuch der historischen Buchbestände
in Österreich (Hildesheim-Zürich-New York 1996) S. 123-125.
Ralph Andraschek-Holzer, Waldviertel-Bibliothek im Höbarthmuseum.
Ebenda S. 125-126.
Olaf Bockhorn/Petra Bockhorn/Hermann Steininger, Museen und Sammlungen
in Niederösterreich. III. Viertel ober dem Manhartsberg (Wien 1996).
Anton Freisinger, Heimatkundliche Bibliographie von Niederösterreich.
I. Viertel Obermanhartsberg (Wien 1987).
Anton Freisinger, Heimatkundliche Bibliographie Niederösterreich.
I. Viertel Obermanhartsberg. Nachträge, Ergänzungen, Berichtigungen
(Wien 1992).
Hannelore Lazarus, Eröffnung der Schulbibliothek. In: Bundesgymnasium
und Bundesrealgymnasium Horn, 114. Jahresbericht zugleich 58. Jahresbericht
Bundesaufbaugymnasium und Bundesaufbaurealgymnasium Horn, Schuljahr 1991/92
(Horn 1992) S. 7-9.
Ignaz Nößlböck, Archiv und alte Bibliothek der Stadt Horn
in Niederösterreich. In: Mitteilungen des k.k. Archivrates 2 (1916)
S. 150-160.
Ingo Prihoda, Josef Höbarth, das Museum und der Museumsverein in
Horn. In: Ingo Prihoda (Hg.), Höbarthmuseum und Museumsverein in
Horn 1930-1980 (Horn 1980) S. 7-18.
Erich Rabl, Eine Waldviertel-Bibliothek im Höbarthmuseum Horn. In:
Ralph Andraschek-Holzer/Erich Rabl (Hg.), Höbarthmuseum und Stadt
Horn. Beiträge zu Museum und Stadtgeschichte (Horn 1991) S. 243-253.
Erich Rabl, Die Waldviertel-Bibliothek im Höbarthmuseum der Stadt
Horn. In. 25. österreichischer Bibliothekartag St. Pölten. Menschen
in Bibliotheken. wer und was in St. Pölten (Innsbruck 1998) S. 78-82.
Erich Rabl, Portrait einer Institution. Der Waldviertier Heimatbund.
In: Erwachsenenbildung in Österreich 45 (1994) Heft 6, S. 28-29.
Anton Raßmann, Eröffnung der Schulbibliothek. In: Jahresbericht
1995/96, Bundeshandelsakademie, Bundeshandelsschule Horn (Horn 1996) S.
25-27.
Elfriede Rauscher, 50 Jahre Stadtbücherei. In: Erich Rabl (Red.),
Die Stadtgemeinde Horn und ihr Rathaus. Vom mittelalterlichen Thurnhof
zum modernen Verwaltungszentrum. Festschrift anläßlich des
Umbaues 1997/98 (Horn 1998) S. 87-90.
Peter L. Reischütz, Prodromus eines Verzeichnisses biologischer Literatur
des Waldviertels (Horn 1998).
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